CO²-Zertifikate – mehr als Ablasshandel?
Die letzten Berichte zur Klimaentwicklung sind sicher nicht nur für mich deprimierend.
Liest man den Bericht des Weltklimarates, ist man geneigt zu resignieren, bis man zu diesem Abschnitt kommt:
Dennoch sei all dies kein Grund zur Resignation, schreibt der Klimarat den Angaben zufolge. Immerhin habe das Kyoto-Protokoll “eine globale Verantwortung für den Klimawandel hergestellt” und so “das Feld für nationale Schritte bereitet”. Es gebe allen Grund zur Annahme, dass mit dem internationalen Kohlendioxid-Handel die Basis für eine weitere Reduzierung von Treibhausgasemissionen gelegt sei.
Also besteht Hoffnung? Ich habe dann versucht, den Emmissionshandel zu verstehen, aber das ist nicht so einfach. Was man ja noch versteht: Betriebe dürfen eine bestimmte Menge CO² emmissieren. Dafür bekommen sie eine Art Gutschein, die sogenannten Zertifikate. Anscheinend bekommen sie die z.Zt. geschenkt. Wer jetzt weniger CO² emmissiert, kann die dadurch frei werdenden Zertifikate an den verkaufen, der mehr emmissiert, als ihm zugeteilt wurde. Ein Einspareffekt tritt also nur dann ein, wenn die frei werdenden Zertifikate keinen Käufer finden. Ansonsten findet lediglich eine Verschiebung statt. Das ist eigentlich nicht unbedingt emmissionsverhindernd, ausser der Betrieb, der seine Zertifikate nicht in vollem Umfang braucht und sie nicht an andere Betriebe verkaufen kann, bekommt bei Nichtgebrauch Geld vom Staat. Aber der hat die Zertifikate ja unentgeltlich überlassen (oder?) und wird insoweit nichts dafür zahlen wollen. Wie bekommt man mit den Zertifikaten eine CO²-Reduzierung hin?
Noch komplexer wird das Thema, wenn man einbezieht, dass anscheinend ein internationaler Zertifikathandel möglich ist. Wenn ein Investor in z.B. Chile in Biogasanlagen investiert, bekommt er dadurch eine Gutschrift für die hiesige CO²-Emmission? Er darf dann also hier CO² emmissieren, welches in Chile eingespart wurde, wobei unterstellt wird, das die dort gebaute Biogasanlage zu einer Verbesserung der CO²-Bilanz führen würde – dies im Vergleich mit dem Zustand, in dem sie nicht vorhanden wäre.
Ich kapituliere! Kann dies alles wirklich so berechnet und kontrolliert werden, das es effektiv CO²-reduziernd ist? Oder befinden wir uns hier an der Stelle, an der im Mittelalter der Ablasshandel stand und man glaubt oder auch nicht glaubt? Ich bin unsicher, aber ich glaube, das wir mit diesem Zertifikathandel nichts Wesentliches zu einer Verbesserung der Situation beitragen, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. Ansonsten sehen wir dem steigenden Meeresspiegel entgegen!
Update 27.10.2007
Schweigende Konzerne Auskünfte über CO2-Emissionen sind spärlich







19. Oktober 2007 at 03:43
Zwar kann ich Dir da auch nicht wirklich weiterhelfen, aber die Parallele mit dem Ablasshandel drängt sich wirklich auf. So weit ich alles verstanden habe, findet durch die Begrenztheit der Zertifikate (die Regierungen verschenken nicht beliebig viele) eine Begrenzung des CO2-Ausstoßes statt. Diese soll dann nach und nach heruntergefahren werden, in dem immer weniger Zertifikate überhaupt gehandelt werden können.
Dem steigenden Meeresspiegel sehen wir, glaube ich,sowieso schon deshalb entgegen, weil auch das Kyoto-Protokoll nur ein erster Einstieg in die Materie war, mehr nicht. Da muss noch wesentlich mehr passieren.
Was bin ich froh, dass ich knapp 300 Meter über NN wohne… :-/
19. Oktober 2007 at 08:05
Ich kann etwas weiterhelfen.
Kurz: Die europäische Zertifikate sind limitiert. In Theorie sind es nicht ausreichend. Also muss irgendwem einsparen. Da die Zertifikate verhandelbar sind, spart in Theorie derjenige der am wenigsten investieren muss, und dieser kriegt seine Investition bezahlt, weil er die Zertifikate verkäuft.
Die Idee ist also, dass die Einsparung bereicht wird, weil die EU/die Regierung eine Obergrenze (in Fachsprache ‘Cap’) festlegt. Der Handel ist lediglich dazu da, die Einsparung so billig wie möglich hinzukriegen. Unreglementiert, mit allen Möglichkeiten um nach Hinten los zu gehen.
Die Einfachheit der Idee besticht. Leider verwechseln viele Leute das Modell mit der Realität.
Das mit der internationale Zertifikatehandel ist nicht einfach zu erklären, ich werde es dann auch nicht versuchen. Für die kommende Kyoto-Periode ist jedenfalls Fakt, dass
1) die Zertifikatmenge an EU-Zertifikate nicht reichen würde, die jetzige Emissionen abzudecken.
2) Unternehmen bis zu 20% deren Emissionen mit Zertifikate aus anderen Kyotomechanismen abgleichen könnnen
3) diese Zusatzmenge plus die EU-Menge dicke reicht
4) die Experten sich Sorgen machen, ob ausreichend Kyoto-Zertifikate besorgt werden können
Manch Wirtschaftwissenschaftler, z.B. Axel Ockenfels, kehren die Idee schon wieder den Rücken. Leider greifen sie doc wieder zu einer anderen wirtschaftlichen Anreiz, Besteuerung. Ich glaube, dass dieser ANreiz schon gar nicht mondial passt.
So lange wie die Regierungen sich nicht einlassen wollen auf pro Kopf Maxima, wobei wir alle etwas unter dem Chinesischem pro Kopf Nivo kommen müssten, so lange wird nicht effektiv was passieren.
Ich suche übrigens noch ein Grundstück auf 300 Meter über noch-NN
Schöne Grüße,
Johan
19. Oktober 2007 at 19:38
@home42
), sehe ich auch hinsichtlich der Zertifikate eine analoge Entwicklung, die sicher nicht hilfreich ist für eine wirksame Reduzierung der CO²-Emmission. Das probate Mittel wäre sicher die von Dir angesprochene pro-Kopf-Begrenzung. Würde ich diese mir zugeteilte Menge nicht ausschöpfen, könnte ich sie verfallen lassen (nicht verkaufen), so dass dann die Reduzierung wirksamer wäre und der Einzelne auch Einfluss hätte.
Das ist auch meine Hoffnung, dass eine Begrenzung durch die Zertifikate stattfindet. Aber wie man ja aus anderen Bereichen erfahren musste, stellt sich dann heraus, dass die Sache nicht so einfach zu handhaben war, wie man das geplant hatte. Und bekanntlich sind die handelnden Personen ja sehr erfinderisch, wenn es ums Geld geht.
@johan
Jetzt habe ich etwas mehr verstanden – danke!- bin aber nicht optimistischer. Wie zu den EU-Fördermitteln, wo sich ja extra Beratungsunternehmen gegründet haben, um alles auszuschöpfen (und mehr
Mit dem Grundstück über 300m NN wird es aber im oldenburgischen Land schwierig, oder?
Gruss, oldman